Wenn aus Angst und Enttäuschung Stärke wird

Wenn aus Angst und Enttäuschung Stärke wird

Alles veränderte sich

Nach meinem Krankenhausaufenthalt veränderte sich mein komplettes Leben. Jeder behandelte mich wie ein rohes Ei. Ich durfte so gut wie nichts mehr machen und entwickelte daraufhin sehr viele Ängste. Meine Eltern fürchteten, dass noch nicht alles wirklich geheilt war und jederzeit wieder aus dem Nichts irgendetwas brechen könnte. Zu Beginn durfte ich nicht mehr alleine mit Freunden unterwegs sein und musste von der Schule direkt nach Hause. Für das Korsett, das ich zur Stabilisierung tragen musste, habe ich mich sehr geschämt. Jeder konnte sehen, das etwas nicht mit mir stimmte.

In der Schule durfte ich nicht mehr am Sport-Unterricht teilnehmen. Ich begann mich dann automatisch Stück für Stück von allem und jedem abzugrenzen. Die Fragen und Blicke, die Sonderbehandlungen, all das nervte mich. Da war ich lieber alleine mit meiner Fantasie, die ich mir dann schön gestaltet habe, um der Realität zu entfliehen. Ich hatte Angst davor nicht mehr zu wachsen, schließlich war ich erst 11 Jahre alt und meine Wirbelsäule war bereits beschädigt. Natürlich hatte ich dann auch Zukunftsängste. Ich teilte die Angst meiner Eltern, dass meine Lunge bzw. meine Wirbelsäule jederzeit wieder neu von Bakterien befallen werden könne. Meine größte Angst war jedoch, irgendwann im Rollstuhl sitzen zu müssen und an einem Beatmungsgerät zu hängen. Meine Atmung hatte sich damals radikal verschlechtert, ich war kurzatmig. Treppensteigen oder kurze Strecken raubten mir komplett die Energie und den Atem. Ich war sehr schnell und leicht außer Atem – für jeden Sänger eine totale Katastrophe. Bis heute fällt es mir schwer, Töne lange zu halten. Ich war unfreiwillig pflegebedürftig. Die Krankheit raubte mir meine Spontanität, meine Freiheit, meine Bewegungsfreude und meine Gesangstimme.

Am schlimmsten war aber, dass sie mir mein Selbstbewusstsein und mein Selbstwert raubte. Es fühlte sich an, als wäre ich kaputt gemacht worden.

Ich dachte, ich sei nicht mehr schön und liebenswert, denn durch das Korsett habe ich viele weite Oberteile getragen. Dadurch sah ich automatisch noch dicker aus, als ich es eh schon war. Schließlich konnte ich mich über ein Jahr lang kaum bewegen.

Eine Krankheit kommt selten allein

Als wäre das nicht genug, bekam ich Hyperhidrosis, übermäßig starkes Schwitzen. Die Ursache war mit hoher Wahrscheinlichkeit meine schwere Erkrankung an TBC. Nach meinem Krankenhausaufenthalt musste ich, wie bereits erwähnt, für ein Jahr lang ein medizinisches Korsett zur Unterstützung tragen. Nur zum Duschen durfte ich es ausziehen. Dazu kam wöchentliche Physiotherapie. Ich war gezwungen das Korsett zu tragen, um meine Wirbelsäule zu stabilisieren und meine Gelenke zu trainieren. Viele Bewegungsabläufe musste ich wieder neu erlernen.

Auf der rechten Seite meines Körper trage ich eine riesige Narbe, die von der Hüfte bis unter die Achsel reicht. Ich habe immer noch oft Rückenschmerzen, aber ich lebe, kann laufen und mein Körper ist wieder gesund. An dieser Stelle ein großes Dankeschön an meinem Hausarzt und an meinem Vater, ohne diese beiden Menschen, gäbe es mich gar nicht mehr, zumindest nicht in dieser Form.

Stell dir vor, du bist auf dem Weg zum Erwachsenwerden, etwa 12 Jahre alt, erinnerst du dich daran, wie peinlich dir alles war? Und jetzt stell dir vor, dass du in jeder Situation, die dir im Normalzustand schon peinlich ist, sehr stark schwitzen würdest. So stark, dass man denken würde, du kämest grade vom Sport. An manchen Tagen war es bei mir sogar so schlimm, dass man hätte denken könnte, ich komme direkt aus der Dusche. Und nun stell dir vor, dass du weder eine Geburtstagsfeier, eine Hochzeit noch eine ganz normale Hausparty mit Freunden feiern kannst. Geschweige denn tanzen kannst, weil die Angst davor, dich doppelt soviel schwitzen lässt. Ich weiß nicht, ob bei der Operation damals, ein Nerv getroffen wurde oder ob es ein verspätetes Trauma war bzw. ist. So oder so, ich konnte die Hitze nicht mehr ertragen, deshalb habe ich meine Zeit oft lieber alleine verbracht.

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This post has one comment

  1. Hallo Maya, mich macht deine Geschichte traurig, nicht so sehr das du so schlimm krank warst, das ist zum Glück wohl wieder einigermaßen in Ordnung. Vielmehr dass du wegen dieser ganzen Sache so lange daran gelitten hast.
    Ich glaube du bist an der ganzen Sache gewachsen und deshalb jetzt so stark und selbstbewusst wie du es jetzt bist. ??❣️

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