Wenn aus Angst und Enttäuschung Stärke wird
Mein Schicksal besiegte mich
Irgendwann hatte ich einfach keine Kraft mehr, jedem Menschen immer wieder meine Geschichte zu erzählen. Ich ließ es dann einfach sein. Sie sollten denken, was sie wollen. Abgesehen davon, hören viele oft leider gar nicht wirklich zu. Viele dachten die Wahrheit zu kennen. Ich fühlte mich alleine und unverstanden. Als wäre ich ein Alien. Gefühlt kannte niemand diese Krankheit, doch jeder einzelne sah sich als Experte. Was mich am meisten verärgert hat, waren die ganzen unnötigen Kommentare: ich solle einfach aufhören zu schwitzen, meine Hygiene verbessern, ich solle mich nicht so in den Mittelpunkt stellen und die Angelegenheit dramatisieren, jeder würde schwitzen, es sei was ganz normales. Die Liste ist lang. Ich habe das immer unkommentiert stehen lassen und die Trauer, sowie die Wut in mich hineingefressen. Ich begann die Menschen zu verabscheuen und mir selbst für alles die Schuld zu geben.
Der Traum, den ich aufgeben musste
Tanzen war mein Leben. Ich habe damals eine Grundschule für Musik und Tanz besucht. Meine Lehrerin Frau Penzek, möge sie in Frieden ruhen, war an der Schule für den Tanz verantwortlich und auch meine Klassenlehrerin. Ich habe Volkstanz lernen dürfen. Damals fand ich es mega cool. Mein Vater hat alles und jeden gefilmt. Wir mussten oft vor der Kamera tanzen. Meine Leidenschaft, das Tanzen, wurde mir einfach genommen. Vor der Erkrankung war ich ein sehr lebhaftes Kind und steckte voller Energie, war viel unterwegs und liebte die Bewegung. Ich hatte zugelassen, dass die Krankheit mich besiegt. Es war ein langer Weg, mir das einzugestehen und mir selbst zu verzeihen. Ich hatte wirklich versucht weiter zu tanzen und mit der Krankheit umzugehen, doch es fiel mir einfach zu schwer. Mein ältester Bruder gründete die Tanzgruppe „Jokers“, zu der ich gehörte. Danach startete ein Freund meines Bruders eine andere Tanzgruppe, die sich „Looney Tons“ nannte, auch da war ich Teil des Teams. Irgendwann unterrichtete ich selbst Kinder im Alter von 9 bis 15 Jahren in Hip Hop und Street Style. Wir nannten uns „Soulsisters“.
Was wäre wenn
Ich hätte mir gewünscht, einen stärkeren Willen gehabt zu haben, selbstbewusster gewesen zu sein und dass meine Liebe zum Tanz größer gewesen wäre, als die Angst vor den Menschen. Umso stolzer macht es mich heute meine Schwester tanzen zu sehen. Ich frage mich oft, was wohl aus mir geworden wäre, wenn ich nicht an TBC erkrankt wäre und somit nie Hyperhidrosis bekommen hätte. Wäre aus mir wohl eine professionelle Tänzerin geworden? Ich werde es nie erfahren. Das Schwitzen hinderte mich daran, meinen Traum weiter zu verfolgen, bis ich irgendwann ganz aufhörte zu tanzen.
Es macht mich traurig, dass über Hyperhidrosis selten bzw. fast gar nicht gesprochen wird. Und wenn das doch mal passiert, wird die Sache verharmlost. Übermäßiges Schwitzen ist extrem unangenehm. Wie oft ich aus einem Raum rausrennen musste, um mich sauber zu machen, wie oft ich ausgelacht wurde oder eine Einladung nicht annahm, um solche Situationen einfach zu vermeiden, könnt ihr euch gar nicht vorstellen. Menschen verurteilen andere oft ohne Hintergrundwissen. Viele dachten und denken, dass ich ruhig bin, weil ich mich für etwas besseres halte oder dass ich eingebildet sei. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Meine Schicksalsschläge bremsen mich in meinem Sein eher aus.
Ich möchte Mädchen und Frauen in meinem Alter zeigen, dass sie schön und genug sind, so wie sie sind. Mein größtes Ziel ist es, die Sichtweise der Menschen zu ändern. Jeder und jede ist schön – ich möchte, dass Body-Shaming endlich ein Ende hat. Niemand sollte sich hässlich, fett oder noch schlimmer, nicht liebenswert fühlen aufgrund von Form oder Größe. Auch sollte sich niemand schlecht fühlen für das, was er ist. Diese negativen Gedanken rauben so viel Zeit und Energie und setzen jeden Typ Frau unter Druck.
Ich bin ein sehr schüchterner Mensch, introvertiert und nicht sonderlich kontaktfreudig. Brauche Zeit, um Vertrauen aufzubauen und um aus mir herauszukommen. Dann bin ich albern, energiegeladen, erzähle viel und lache gerne.
Ich bin dankbar für die Frau die ich geworden bin, auch wenn ich noch immer am wachsen bin und mich stetig weiterentwickele. Zwar holt mich oft noch die Vergangenheit ein, aber sie hat mich auch stark gemacht und hat dazu beigetragen, dass ich bin wie ich bin. So fand ich auch den Mut meine Geschichte mit euch zu teilen.
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Peter
5 Apr 2021Hallo Maya, mich macht deine Geschichte traurig, nicht so sehr das du so schlimm krank warst, das ist zum Glück wohl wieder einigermaßen in Ordnung. Vielmehr dass du wegen dieser ganzen Sache so lange daran gelitten hast.
Ich glaube du bist an der ganzen Sache gewachsen und deshalb jetzt so stark und selbstbewusst wie du es jetzt bist. ??❣️